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Andy Warhol
Andy
Warhol als Literat
"Ich lese nie, ich sehe mir nur Bilder an", heißt eines der vielen pointierten
und definitiven Statements von Andy Warhol. Zu finden im Katalog
der Stockholmer Warhol-Show 1968. Schon fünf Jahre zuvor hatte
er in einem Interview mit einer Kunstzeitschrift prophezeit, daß der Film
die Rolle des Romans übernehmen wird.
"Das ist der neue Roman. In Zukunft wird kein Mensch mehr lesen. Filme
zu machen ist einfacher."11 Im selben Jahr hatte sich Warhol eine lömm-Bolex-Kamera
gekauft und drehte seinen ersten Film mit dem Titel "Sleep". Es folgten
schnell eine Reihe anderer Filme zu einer Zeit, als Warhol als bildender
Künstler berühmt wurde. Ein Jahr später, 1964, kauft Warhol ein Tonbandgerät.
Im selben Jahr dreht er den ersten Film mit Tonspur, nicht ohne Probleme.
Jetzt, wo es eine Tonspur gab, mußte es auch Dialoge geben, fand Warhol
und stieß wenig später auf den Poeten RonnieTavel. Fortan plapperteTavel,
aber auch andere Besucher der Factory während der Filmaufnahmen,
um die Tonspur zu füllen. "Sometimes the talk was about what we were shooting
and other ti-mes it wasn't"12, erklärte Warhol zufrieden. Er mochte die
Idee von freischwebenden Dialogen. Auch hatte er kein großes Interesse
an Literatur.
Er mochte Genet, weil ihn seine Texte ganz scharf machten, er mochte
die Beatliteratur, weil deren Protagonisten Hipster-Rebellen waren, und
er mochte Truman Capote, weil er das Pop-Pendant zu dem war, was Warhol für die bildende Kunst bedeutete: ein glamouröser Stachel
in welkem Fleisch.
Aber das war schon alles. Literatur gehörte wie die Kunst einer alten
Kultur an, weit entfernt von der neuen Popkultur.
Die neue Kultur war eine Konsumentenkultur, in der es nicht mehr wichtig
war, ein Buch zu lesen, sondern in der man mit dem Kaufeiner Platte, eines
Fernsehers oder eines Kinotickets Teil dieser Kultur werden konnte. Was
Warhol an der Literatur offensichtlich störte, war ihr Anspruch, ihre
Anforderung an Konzentration und Ausdauer.
Für ihn schien das Buch das Überbleibsel einer Ära zu sein, in der die
Menschen noch Muße hatten, mit einem Buch eine ganze Woche zu verbringen.
Das paßte nicht mehr in eine Zeit, in der jeder nur mehr für fünfzehn
Minuten berühmt sein durfte. Warhol lebte vom schnellen Durchfluß der
Informationen, von der Medienlawine, der Schnelligkeit des Films und der
komprimierten Weis-heit eines Popsongs. Bücher waren für ihn erstmal definitiv
Nicht-Pop. Comics, Kreuzworträtsel oder die Titelseiten von Boulevardzeitungen
interessierten ihn mehr. Hier wurde Sprache, wurden Worte zu Graphismen,
ohne daß ihnen die Potenz ihrer Aussagefähigkeit abhanden kam.
Worte waren bei Warhol nur dann willkommen, wenn sie die Bildsprache
gezielt ergänzten und verstärkten. "129 Die In Jet!", das war Sprache,
die poppte. Keine Verklausulierung, keine Metaphysik, keine unnötige Poetik.
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