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2007







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 








 

BERICHT 241 vom 02.08.2007

Der rückgekoppelte Blick

HORST PREHN, Blickvarianten
Wahr-nehmung er wahrnehmen möchte, und seine Beschreibungen sind Ausdruck seiner Beobachtungen und umgekehrt. Wählen wir also einen künstlichen oder künstlerischen Prozeß aus, in dem sich Beobachtung entwickeln kann, und koppeln dann all das in den Prozeß zurück, was der Beobachter tut. Installieren wir einen ästhetischen Regelkreis zwischen Wahrnehmung und Verhalten, und wechseln wir die Blicke! Also muß ich dich nach den neurophysiologischen Modellen, nach unseren körpereigenen Regel-Kreisen, den Reflexen, fragen und danach, welchen Sinn und welche Bedeutungen für den natürlichen und den von den Künsten antizipierten poetischen Organismus davon ausgehen.

dA: Dann beginne ich zunächst mit einer allgemeinen Definition neurophysiologischer Reflexe: Danach bezeichnet man jede unbewußte, stereotype Reaktion auf sensible Reize als Reflex. Und der Reflex-Bogen besteht somit aus einem sensorischen Teil mit einem nervösen Übergang (den Afferenzen) zum Zentralnervensystem (ZNS). Vom ZNS werden dann über afferente Nervenfasern entsprechende Effektoren innerviert.

dE: In meiner ästhetischen Analogiebetrachtung entspräche dies meiner un-bewußten, weitgehend stereotypen Reaktion auf entsprechende ästhetische Reize. Meine reflektorischen Reaktionen wären danach somit keine kausalen Ketten-Reaktionen, sondern als Regel-Kreise auf-zufassen. Danach sollte man besser anstelle von Wahr-Nehmung von "Wahr-Gebung" sprechen und den Rezipienten besser als "Perzipienten" bezeichnen. Doch bleibt zu fragen, welcher Sinn oder welche Bedeutung einem solchen ästhetischen Automatismus zukommt?

dA: Nun, diese sensomotorischen Rückkopplungen stellen keine automatischen, sondern autonome und zweckmäßige Funktionen des Organismus dar.

dE: Worin liegt nun der Nutzen bei der Verdopplung der Welt?

dA: Man könnte diese einfachsten Reflex-Bögen etwa mit einem Servo-Mechanismus vergleichen. Ohne direkte Verbindung zur Außen-Welt ermöglichen solche Regelkonzepte die sichere Regelung oder Steuerung, z.B. eines Manövers.

dE: Etwa wie bei einem Flug-Manöver? Dann übernimmt der Auto-Pilot die unwillkürliche sichere Steuerung des Organismus in seiner physischen Umgebung ...

dA: ... aber auch die fundamentalen Regulationen zur Unter-haltung der Lebensfunktionen!

dE: Welche sind dies?

dA: Dies sind einmal die vegetativen Funktionen wie Stoffwechsel, Kreislauf und Atmung.

dE: Ein ökonomisches Konzept also!

dA: Die Ökonomie ist somit geregelt, und wir können unbewußt darauf vertrauen, daß im Vegetativum weder Mangel noch Überfluß herrscht!

dE: Damit erlangen wir die nötigen Freiheiten z.B. für unser Bewußt-Sein und Handeln. Und wenn unser Denken zu geistigen Höhenflügen abhebt, müssen wir nicht immer danach fragen, ob unserem Hirn noch genügend Blut zur Verfügung steht. - Ich wünsche mir für die ökonomische Basis meines künstlerischen Schaffens, daß auch hier nützliche Reflexe wirken mögen!

dA: Dies wünsche ich mir auch für unser wissenschaftliches Arbeiten!

dE: Wir hätten damit sicher auch etwas mehr Bewegungs-Freiheit!

dA: Ja! Zudem sorgen die Reflexe auch für die Auf-recht-Erhaltung unserer Körperhaltung im Raum. Auch dies ist durch spinal-motorische Reflexe geregelt.

dE: Ich schließe daraus: Reflexe sind das "Standbein des Lebens!" Wir dürfen sie nicht aufs Spiel setzen, wenn wir das "Spielbein" zur freien Bewegung brauchen.

dA: Richtig, auch hier gewährleisten Schutz-Reflexe die ökologische Sicherheit unseres Körpers gegenüber der Umwelt.

dE: Im Laufe unserer kulturellen Evolution scheinen wir auch ökonomisch und ökologisch zweckmäßige "ästhetische Reflexe" entwickelt zu haben.

dA: Du scheinst also eine Analogie zu sehen?

dE: Nun, die Unterhaltung der Lebensfunktionen und die Regulation der Flüsse kann ich auch bei der ästhetischen Rezeption ausmachen. Die Unter-Haltung meines ästhetischen Grundinteresses, meines auf-merk-sa-men Blicks, geschieht ebenfalls reflektorisch. Unser Blick wird durch vielfältige Attraktionen "magisch" angezogen, und wir sind uns meist nicht bewußt, wo-durch unsere Aufmerksamkeit "in den Bann gezogen" wird.

dA: Dabei erleben wir, daß unsere Aufmerksamkeit von uns ausgeht, als ein zielgerichteter
Prozeß, als Orientierungs-Erleben. Wir sind aber dennoch blind für die hierbei zugrundeliegenden sensomotorischen Regelkreise.

dE: Reflektorisch reagieren wir also mit der Unterhaltung der Unterhaltung! Auch auf die unterschiedlichen Ein-Flüsse reagieren wir reflektorisch, indem wir die Bilderflut auf das uns zuträgliche Maß regeln. Nichts ist somit sinnleer, und dem Überfluß an Sinn begegnen wir durch Regelung unserer "sensorischen Schleusen". Bei dieser Perzepti-onsweise stützen wir uns auf unsere "ästhetische Grundhaltung", auf unser Standbein. Ohne dieses Vertrauen auf die ästhetischen Reflexe wäre eine freie "Weiter-bewegung" unmöglich.

dA: Aus ökologischer Sicht übernehmen auch sogenannte Schutz-Reflexe die "Wacht am Sein", und schützen unseren Körper vor den Gefahren der Um-welt.

dE: Auch ich versichere mich gegen die Unsicherheit und gegen das Eindringen schädlicher Einflüsse, gegen die Zudringlichkeiten der Bildwelten und Weltbilder, mit einem "ästhetischen Schutz-Reflex".

dA: Da alle diese Prozesse, solange keine Störungen auftreten, weitgehend autonom ablaufen, werden wir uns dessen kaum bewußt.

dE: Welche Möglichkeiten haben wir denn, uns dessen bewußt zu werden?

dA: Die Bewußt-Werdung kann entweder durch die Beobachtung, also durch den objektivierenden Exo-Blick, durch wissenschaftliche, analytische Reflexion geschehen. Durch diese Meta-Sicht blicke ich auf das Geschehen. Und im Falle unserer eigenen Wahrnehmung der Wahrnehmung können wir uns mit den Phänomenen oder Theorien der Wahrnehmung auseinan-der-setzen. Die andere Möglichkeit der Bewußt -Werdung verlangt hingegen nach dem subjektiven Blick, nach einer intrinsischen Er-fahrung. Diese vollzieht sich im subjektiven Erleben der Regelvorgänge zwischen motorischer Aktivierung und Handlung, Reafferenz und Wahrnehmung.

dE: Wir können uns entweder einlassen oder auseinandersetzen, entweder beobachten oder erleben!

dA: Dies wären komplementäre, aber inkompatible Formen der Konkretisierung!

dE: Und wir können am besten diese Regelprozesse verstehen, indem wir den Prozeß simulieren. Mit den kyberästhetischen Medien fließt somit die Sprache als narratives Element ein.

dA: Damit erscheint - aus der Sicht unseres Modells -wiederum ein Regelkreis aus Bild, Wort und Tat!
HORST PREHN, Blickvarianten

dE: Ja, denn außerhalb von Sprache können wir nichts sagen; was wir nicht in Sprache tun, das tun wir nicht. Doch damit stellt sich die Frage nach dem Bewußtsein als kultureller Leistung und nach der Bewußt-seinskultur.Oder, um es mit Popper zu sagen, "Hirn macht Sprache, und Sprache macht Hirn" - ebenfalls ein kybernetischer Zusammenhang,...

dA: ...welchen wir auch bei der epi-genetischen Entwicklung unseres Hirns verfolgen können.
B. Vom ästhetischen Reflex zum ästhetischen Bewußtsein

dE: Vielleicht eröffnet uns die Betrachtung der Evolution der Regelvorgänge vom Reflex zum Bewußtsein oder vom ästhetischen Reflex zum ästhetischen Bewußtsein die Tür zu einer neuen Kultur des Bewußtseins, zwischen geistigen Aussichten und sinnlichen Empfindungen?

dA: Betrachten wir zunächst verschiedene physiologische Reflexsysteme in ihrer hierarchischen Ordnung, gleichsam als Stratifikationsmodell der Evolution.

dE: Also bringen wir einen evolutionären Schub ins Spiel! Erweitern wir die Komplexität unserer Modellreflexe!

dA: Das einfachste Reflex-Modell besteht wohl aus einem einzigen Rezeptoreingang, einer einzigen logischen Verschaltung und einem einzigen Effektor. Dies wäre somit das Fundamentalmodell des "monosynaptischen Eigenreflexes".

dE: Welchen Sinn erfüllt ein solcher einfacher Regelkreis?

dA: Der Sinn besteht wohl darin, das Eigenverhalten einer autonomen sensomotorischen Schleife, z.B. eines Muskels, zu regeln. Infolge ihrer direkten Zuordnung und ihrer spezifischen Verbindung sind diese muskeleigenen Reflexe z.B. für unsere aufrechte Haltung von Bedeutung.

HORST PREHN, Blickvarianten
dE: In diesem abgeschlossenen Regelkreis mit Eigenverhalten findet also noch keine Interaktion mit dem Fremden, d.h. mit der Umwelt, statt? Um die Interaktion mit dem "Anderen" zu suchen, müssen wir dann wohl die Reflex-Modelle erweitern?

dA: Dies geschieht in der Tat durch die sogenannten "polysynaptischen Fremdreflexe". Bei komplexeren Reflex-Systemen finden wir dann eine Erweiterung der sensorischen Eingänge, also von einem einzigen Rezeptoreingang bis zu vieldimensionalen und multimodalen Eingängen vieler unterschiedlicher Sensoren.

dE:... und vermutlich auch durch eine Erweiterung der Netzwerke und durch Erweiterung der Anzahl und Art der Effektoren. Auch meine künstlerische Entwicklung wird von der Erweiterung meiner Wahrnehmungskompetenz mit komplexeren und vielfältigeren Sichtweisen und Auf-fassungen abhängen. Diese stehen wiederum im Zusammenhang mit meiner Kompetenz für komplexere Urteile und Handlungen.

dA: Und je nach ihrer Bedeutung für den Organismus werden diese polysynaptischen Fremd-Reflexe auf mehrfache Art sensibel, auf komplexere Weise vernetzt und auf mehrfache Art handlungswirksam.

dE: Mit der erweiterten Reflexion wird somit das "Eigene" mit dem "Fremden" verknüpft. Mit den Augen des Fremden vermittelt diese mehrfach vernetzte Reflexion verschiedene Realitäten. Wir erhalten damit unterschiedliche Urteile über die Realität aus der Sicht unterschiedlicher sensorischer "Augen-Zeugen" mit unterschiedlich "gefärbter" Wahrnehmung. Mit dieser Form der Reflexion erzeugen und interpretieren wir verschiedene Realitäten und erweitern die Signifikanz,...

dA: ...aber auf Kosten der Ein-Deutigkeit und Unmittelbarkeit! Oder, um den Reflex aus der Sicht des "vernetzten Blicks" zu betrachten, besteht ein einfaches neuronales Netz aus einer Eingangsschicht von Rezeptoren. Dahinter wird ein mehr oder minder komplexes
Netzwerk geschaltet mit unterschiedlichen Kopplungen und Rückkopplungen. Die Ausgangs-Schicht zeigt uns verschiedene Muster. Auf welche Weise dann die verschiedenen Effektoren diese Muster in Handlungen umsetzen oder diese durch ein Dis-Play ins Bild gesetzt werden, hängt von der Komplexität und Kapazität des Netzwerks ab.

dE: Das "neuronale Netzwerk" wird somit zu einem Instrument des Findens und Zei-gens! Dabei assoziiere ich spontan eine Werbe-Anzeige einer großen deutschen Zeitung. Hinter einer aufgeschlagenen Zeitung bleibt der Kopf des Lesers verborgen. An seiner Stelle steht aber der be-deutende Satz "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" als Ausdruck der Evolution der Kompetenz des Leserhirns,...

dA: ... so wie auch im allgemeinen unsere Urteile und Bedeutungszuschreibungen den Stand unserer eigenen mentalen Evolution ausdrücken. Denn die Leistungen der verborgenen Schichten des neuronalen Netzes sind prinzipiell undurchschaubar. Die Kompetenzen und Grenzen des vernetzten Blicks zeigen sich eben nur durch seine Fähigkeiten des Erkennens, Assoziierens und Lernens.

dE: Mit dieser Reflexion konstituiert sich jedoch auch die Signifikanz des "Eigenen" erst durch den wechselseitigen Bedingungszusammenhang mit dem "Fremden". Aus xenologischer Sicht ist Identität nunmehr als Prozeß zu sehen, der sich in der Wechselwirkung, im Dialog mit dem Fremden, manifestiert. Welche Reflexe können denn System-Identität gegenüber dem Fremden erzeugen?

dA: Dies sind die sogenannten "bedingten Reflexe". Aufgrund des Prinzips der "operanten Konditionierung" sind diese Reflexe schon bis zu einem bestimmten Maß lernfähig.

dE: Damit erzeugen sie bereits autonomes Verhalten, indem sie ein - durch das Fremde bedingtes - eigenes Milieu mit entsprechenden Verhaltens-Mustern entwickeln. Die zweite Auf-Klärung, die Emanzipation der Sinne, erscheint damit im Blickfeld dieser Reflexion. Während die erste Aufklärung noch einer naturwissenschaftlichen analytischen, deterministischen Objekt-Realität verhaftet war, zeichnet sich die zweite Aufklärung durch ihre kognitive und sprachliche Realität aus; es erscheint nun Subjekt-Realität mit Subjekt-Identität.

dA: Diesen Sachverhalt finden wir auch in unserer Reflexion über die Reflexe. Allerdings noch auf elementarer Ebene emanzipieren sich die Reflexe der höheren Abschnitte des ZNS vom unmittelbaren Regelverhalten auf äußere oder innere Reize und entwickeln spezifisches Eigen-Verhalten mit entsprechenden Formen von System-Identität und System-Autonomie.

dE: Auch in der Kunst-Reflexion haben wir uns inzwischen von der Objekt-Realität der Bilder getrennt. Die ästhetischen Reflexe emanzipieren sich und werden freier und unabhängiger,...

dA: ... so wie die neurophysiologischen Reflexe ein bestimmtes Maß von Un-ab-hängigkeit sowohl von der Umwelt als auch vom Großhirn erlangen und damit eine entsprechende innere Signifikanz entwickeln.

dE: Und diese sorgen zugleich für unser Gleichgewicht! Unser körperliches, seelisches und geistiges Gleichgewicht läßt sich also nicht durch allzu schnell wechselnde Verhältnisse stören. Das konservative Regelverhalten schützt uns davor, wenn sich die Umgebung oder wir selbst uns zu schnell ändern,...

dA: ... allerdings nur, sofern diese Regulative noch funktionieren!

dE: Sonst geraten wir aus dem Gleichgewicht!

dA: Wobei die komplexeren Formen von Gleichgewichten als lebendige oder mentale dynamische Homöostasen zu sehen sind. Doch auch Störungen weit elementarerer Formen von Gleichgewichten, wie z.B. die Störung der Thermo-Regulation, läßt uns entweder fiebern oder erkalten und beeinflußt somit unser gesamtes Wohl-Befinden.

dE: Aber solange wir uns wohl-befinden, werden wir uns der gestörten Reflexion nicht bewußt. Nur im Mißbefinden werden wir gewahr, daß nicht alles aufs zuträglichste geregelt ist. Deshalb haben wir somit auch keine Begriffe, keine Sprache, für diese ho-moöstatischen Zustände.

dA: Wollen wir wissen, ob etwas mit unseren vielschichtigen Reflexionen nicht stimmt, so müssen wir unsere Empfindungen beachten!

dE: Auch unsere ästhetische Reflexion ist stets von Empfindungen begleitet. Ich wähne in manchen Dingen ein untrügliches Gefühl dafür zu haben, wenn die Kunst nicht stimmt, ohne direkt sagen zu können, weshalb. Ist meine ästhetische oder "psychophysische Waage" jedoch im Gleichgewicht, fehlen mir sowohl die Empfindungen dafür als auch die Worte.

dA: Nun gibt es in unserem Modell ganz unterschiedliche Formen homöodynamischer Zustände mit entsprechenden Empfindungen und Gefühlen. Zu den gewöhnlichen Zuständen treten dann auch außergewöhnliche Zustände auf.

dE: Damit stellt sich die Frage nach den möglichen Eigen-Zuständen und ihrem Eigenverhalten und den damit verbundenen Empfindungen und Gefühlen. Hierbei tritt die Schwierigkeit der Bewertung der Bedeutung auf.

dA: Sind also meine großen Empfindungen vielleicht nur Folge einer Störung und folglich als pathologisch anzusehen?

dE: Damit werden die Normative - was ist normal, was ist schon verrückt, und was ist krank - relativiert! Und wie sind die künstlich oder künstlerisch induzierten Empfindungen, die wir durch psychophysiologische Interventionen zustandebringen können, zu beurteilen?
dA: Am einfachsten ist die Abgrenzung im Falle einer funktionellen Störung der Reflexe selbst, durch Funktions-Prüfung der einzelnen Elemente des Reflexbo-gens - eine orthodoxe Methode. Weit schwieriger wird die Beurteilung der auftretenden vielfältigen Eigen-Zu-stände.

dE: Ich fürchte - oder hoffe -, daß hier die paradoxe Logik zur Unter-Scheidung, also die Patho-Logik wiederum prinzipiell un-entscheidbar ist!

dA: Die Abgrenzung zum Pathologischen erscheint zunächst - und nur auf den ersten Blick - einfacher, nämlich dann, wenn bestimmte Ausfälle vorliegen. Es wird aber dann problematisch, wenn die Muster unserer Eigen-Zustände permutieren oder gar neue Ein-Fälle auftauchen.

dE: Ist denn somit Blindheit oder Taubheit schon pathologisch? Und welche unserer Verrückt-heiten sind noch normal? Unser Wirklichkeits-Sinn und unsere Kriterien für normale oder paranormale Zustände und Verhalten geraten damit wohl ins Wanken!

dA: Eine "normative Ethik" oder "Ästhetik" beruft sich in solchen Fällen immer auf den kulturell gerade vorherrschenden Attraktor...

dE: ...und verkommt damit zur Moral! Sie orientiert sich an dem, was gerade der Fall ist. Denn mit allen Abweichungen und Abweichlern stimmt etwas nicht! Was stimmt also nicht mit den Reflexen bei der orthodoxen Inspektion ?

dA: Also prüfen wir zunächst einmal ganz grob mit dem Reflexhammer, und dann prüfen wir die Art der Prüfung ! Zunächst prüft der klinische Blick mit dem Hammer die sensorische (afferente) oder motorische (effe-rente) Erregungsleitung sowie ihre Verschaltung im Zentralen Nervensystem.

dE: Die Störungen des ästhetischen Reflexes mit dem "Hammer" zeigen sich entweder durch spezifische Wahrnehmungsausfälle und Handlungsausfälle bis hin zur "ästhetischen Blindheit und - Lähmung".

dA: Störungen des neuronalen Netzwerkes und seiner Verschaltungen zeigen sich dann in den kooperativen oder kollektiven sensomotorischen Leistungen. Bei verschiedenen sensomotorischen Störungen werden z.B. auch die Schwellen für die Auslösung der Reflexe, also ihre Sensibilität, verändert.

dE: Dann ist wohl die Über-Empfindlichkeit und auch die verminderte Empfindlichkeit als ein Anzeichen für eine Störung anzusehen?

dA: Ja, und bei den Spinalreflexen kann man in diesen Fällen entweder eine Spastik oder Lähmung konstatieren.

dE: Auch "mentale Spastiken" und "Lähmungen" zeigen ihre auffälligen Verhalten recht deutlich. Gibt es etwa hier doch einen Kausalzusammenhang? Diesen haben wir doch in unserem Regelmodell bereits verworfen! Ein Widerspruch?

dA: Nein, nur ein vermeintlicher Widerspruch. Denn beim prüfenden, klinisch-analytischen Blick auf den Reflex haben wir durch die Art und Weise unserer Untersuchung bereits den geschlossenen Regelkreis aufgebrochen, um diesen überhaupt der Inspektion eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zugänglich zu machen.

dE: Dann untersuchen wir damit aber ein anderes Modell!

dA: Richtig, und zwar ein kausales Modell und zudem auch ein inadäquates Modell - mit sensorischer Ursache und motorischer Wirkung, aber ohne Rückkopplung!

dE: Wenn sich also auch die Künste einer eindimensionalen kausalen Logik sperren, dann trennen wir diese einfach mit der "analytischen Schere" auf. Mit dem sezierenden linearen Blick reißen wir sowohl die Kunst als auch die Wissenschaft aus ihrem vielfach vernetzten Zusammenhang, zugunsten einer vermeintlichen Determiniertheit, Kalkulierbarkeit und Präzision, aber auf Kosten der Signifikanz. Damit verkürzt und reduziert sich Kunst oder Wissenschaft auf ihre Elemente. Dies ist aber dennoch keine Kunst!

dA: Dann studieren wir auch die Kunst gleichsam unter Laborbedingungen in vitro und nicht in vivo!

dE: Mit dem kalten, seziererischen, objektiven Blick ordnen wir dann die Fragmente zwar mit akribischem Fleiß, aber vom Gesamten haben wir weiterhin keine Ahnung!

dA: Auch die Art und Weise der Vernetzung hat einen ent-scheidenden Einfluß auf das Verhalten. Hierbei gibt es sowohl positive als auch negative Rückkopplungen, die sich entweder verstärkend oder auch hemmend auswirken.Gerade hemmende oder inhibitorische Kopplungen sind bedeutend für das resultierende Verhalten.

dE: Damit erfahren auch unsere spezifischen Vor-ein-genommenheiten und Hemmungen ihre Bedeutung. Sie sind somit essentiell für die Konstituierung des adäquaten "Augenmaßes" mit seinen regulatorischen Folgen für Leib, Seele und Bewußtsein. Unsere Voreingenommenheiten, Begrenztheiten und Hemmungen schützen uns somit vor dem uns nicht zuträglichen Überschuß an Überschuß.

dA: Durch inhibitorische Rückkopplungen (Feedbackhemmung), die direkt auf die Erregungen selbst zurückwirken, werden überschießende Erregungen vermieden.

dE: Also, je stärker die Erregung, desto stärker ist die Hemmung? Eine hemmungslose Rückkopplung würde
unsere Wahrnehmungs- und Verhaltens-Muster außerhalb des dynamischen Gleichgewichts in Feedback-Halluzinationen oder -Ekstasen treiben. ...

dA: ...mit ihren entsprechenden Mustern ergotroper Selbsterregung. Die motorische Konsequenz einer verlorenen Hemmung wären z.B. spastische Verkrampfungen. Bei fast allen mustererzeugenden Prozessen, wie z.B. den vielfältigen Pigmentmustern von Schneckenschalen oder den visuellen Mustern in der Netzhaut, wirken antagonistische Prozesse mit unterschiedlichen Kopplungen. Diese spezifischen Muster entstehen immer dann, wenn einerseits eine einmal erreichte lokale Aktivität oder Erregung gegen die Effekte des Abbaus wirkt.

dE: Dies wird wohl durch die positive Rückkopplung bestimmt.

dA: Richtig, und das führt zu einer starken lokalen Selbst-Verstärkung. Andererseits verhindert z.B. ein weitreichender und schneller begrenzter Effekt der Inhibition, daß sich das Maximum der Erregung zu weit ausbreitet.

dE: Damit wird das Muster entsprechend begrenzt, so daß hierdurch signifikante Formen entstehen können. Der hemmungslose und auch der spezifisch gehemmte rückgekoppelte Blick, in seiner dynamischen Komplementarität, formt somit die Welt. Unsere willkürlichen Setzungen, unsere Thesen (thesei), unsere Modelle der Welt, werden durch die un-mittelbaren und un-willkürlichen Gegebenheiten der Natur (physei) verneint.

dA: Aber nicht als absolute Antithese, sondern in ihrer dynamischen Rück-Wirkung auf unsere Thesen. Hierbei gibt es natürlich ganz unterschiedliche Verschaltun-gen zwischen erregenden und hemmenden Kopplungen, wie z.B. eine Vorwärtshemmung einer antagonistische Hemmung oder eine Um-Feld-Hemmung (laterale Hemmung) und auch natürlich weit komplexere Netzwerk-Architekturen.

dE: Welche Konsequenzen hat denn z.B. eine Umfeldhemmung für unsere Bilder von der Welt?

dA: Hierduch erhöhen wir den Kontrast! Denn die Welt zeigt sich in der Regel nicht in klaren präzisen und deut-lichen Strukturen.

dE: Wenn wir denn etwas deutlicher machen wollen, müssen wir somit den Kontrast erhöhen, durch Über-Treibung. Mit klaren Formen und Kontrasten betreibe ich die Kunst der Deutlich-Machung, der Unter-Scheidung zuliebe. Mit dem präzisen rückgekoppelten Blick wird somit die Welt dichotomisiert, aber auf Kosten einer verfeinerten und nuancierteren Sicht.

dA: Durch spezifische Hemmungen und Bahnungen wird der reflektorische Blick damit auf ent-scheidende Weise modifiziert.

dE: Nur mit dem rückgekoppelten Blick lernen wir die Welt!

dA: Kommen wir noch einmal auf die Emanzipation des rückgekoppelten Blicks, also auf seine hierarchischen Ordnungen zurück. Wir haben am Beispiel des bedingten Reflexes, durch operante Konditionierung, schon elementare Formen des Lernens ausmachen können.

dE: Trotzdem steht dieser noch unter der Regie des Hirns. Denn der reflexive Blick ist zwar autonom in Bezug auf seine Um-Gebung und interagiert somit zwischen dem Eigensystem und seiner Umgebung. Sein Handlungs-Spielraum ist aber dennoch auf eine hierarchische Ebene beschränkt. Dies wäre mit der horizontalen Ordnung innerhalb einer ontologischen Schicht zu vergleichen.

dE: Unsere Reflexion ist dann schichtenspezifisch für jede Rang-Ordnung zu denken. Dann wäre zudem auch noch eine vertikale schichtenübergreifende Reflexion zu betrachten.

dA: Nun, diese vertikalen Verbindungen finden wir neurophysiologisch in den sogenannten "intersegmen-talen Reflexbögen". Hier gibt es in der Tat aufsteigende, also supraspinale Bahnen mit entsprechender zerebraler Dominanz, während die absteigenden propriospinalen Bahnen die einzelnen Reflexbögen untereinander verbinden.

dE: Nach einer bewußten und selbst-bewußten Dramaturgie des Lebendigen regelt die "Regie" auf reflektorische Weise die autonomen "Rollenspieler" und diese stimmen sich untereinander ab, gestalten ihre Verbindungen und schaffen damit einen komplexen Zusam-men-hang.Die "Intendanz" sorgt dann wiederum auf reflektorische Weise für die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen dieses kyberästhetisehen Organismus.

dA: Da sich Körper-Gefühl und Körper-Zusammenhang mittels Propriozeption konstituieren, führt demnach eine Störung oder Modifikation der Reflexe zur Veränderung unseres Körperbildes und Körpergewißheit.

dE: Die Modifikation, die Veränderung und Manipulation, der Kinästhetischen Sinne greift somit direkt in unsere Identität ein. Der rückgekoppelte Blick wird ontogen!

dA: So wie der rückgekoppelte Blick auch die epigenetische Hirnentwicklung konstituiert.

dE: Im rekursiven Schluß bestimmt also das Sein das Bewußtsein, und auch das Bewußtsein bestimmt das Sein. Durch Simulation bestimmt nun auch der Schein das Bewußtsein und umgekehrt.

dA: Und wie die einschlägige Erfahrung lehrt: Auch"der Wein verstimmt das Bewußtsein..."

dE: ...und das Bewußtsein verstimmt auch den Wein, wie ich als Weintrinker aus Erfahrung weiß!

dA: Woraus sich die existentielle und Identitäts-verän-dernde Wirkungen bestimmter Drogen selbst erklärt, sowohl die der körpereigenen als auch die der körperfremden. Aber auch das Bewußtsein wirkt auf die Wirkungen der Drogen zurück! Auch die Einflüsse von Plazebos oder die Wirkungen verschiedener Formen der Suggestion lassen sich durch diese reflektorische Brille betrachten.

dA: Koppeln wir unser Gespräch nun wieder in unser vertikales Stratifikationsmodell der Reflexion zurück. Denn eine Evolution der Reflexe ist dort notwendig, wo die "physei" alleine nicht ausreicht.

dE: Die ontogene Evolution reicht also vom "ästhetischen Reflex" zum "ästhetischen Bewußtsein".

dA: Von Reflektorischen un-willkürlichen, stereotypen unbewußten Reaktionen bis hin zur will-kürlichen, individuellen bewußten Aktion...

dE: ...mit einem bewußten Entwurf, mit Prognosen, Plänen und Erwartungen von Handlungen. Wir rücken mittels Reflexion von der Unmittelbarkeit unserer physei ab, zugunsten unserer vom Willen gekürten thesei. In ihrer ontischen Hierarchie werden z.B. die niederer vegetativen von psychophysiologischen Reflexbögen und diese durch jeweils höhere Meta-Regelkreise überformt,...

dA: ...wie z.B. die kognitiv-kortikalen ontologischen Hüllen, die psychophysiologischen und diese die vegetativ-organischen in sich einschließen. Aber erst im Wechselspiel der auf- und absteigenden Reflexe regeln sich, im direkten Kontakt, höhere Einsichten und niedere Sinne.

dE: Der direkte "Körper"-Kontakt auf und zwischen allen Ebenen ist eben auch ontologisch wichtig! Im Volksmund drückt sich eine Störung der Regelungen zwischen physei und thesei manchmal so aus:

dA: Der Geist ist willig (Will-kür), doch das Fleisch ist schwach!

dE: ...Oder aber umgekehrt: "Das Fleisch ist willig, doch der Geist ist schwach!" Vorsicht! Der Diabolos, oder eine Krankheit, stört oder pervertiert schon unsere Ordnung! Er ver-stimmt die Reflexion, stört die Prozesse, ihre Pläne und Ziele, greift in die Steuerung ein, verstimmt die Regelgrößen und führt zu einer FehlStellung zwischen "Ist", "Soll" und "Sollte".

dA: Ich hingegen sollte zudem auch noch ganz grob auf den hirnontologischen Zusammenhang eingehen, also die vertikalen intersegmentalen Reflexbögen betrachten. Die bedeutenden Regel-Zentren integrativer Funktionen sind - vom Rückenmark aufsteigend - der Hirnstamm, der Hypothalamus, das Limbische System und das Stirnhirn.

dE: Wer spielt hier welche Rolle, und wer vermittelt zwischen den Rollen?

dA: Nun, die Ausführenden von Haltung und Bewegung in diesem sensomotorischen Spiel reichen von der Spinalmotorik bis zum Hirnstamm.

dE: Diese autonomen Rollen laufen also auch ohne die Regie durch das Großhirn!

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